Home / Aktuelle NEWS / Tschernobyl: ´Ich hatte immer einen Geigerzähler dabei´ Galileo-Spezial – 25 Jahre nach Tschernobyl. Moderator Stefan Gödde über seine Eindrücke.

 
"Galileo-Spezial: Tschernobyl - 25 Jahre nach der Katastrophe". "Ich hatte immer einen Geigerzähler dabei" - Interview mit "Galileo"-Moderator Stefan Gödde über seine Eindrücke aus Tschernobyl. Sendetermin Sonntag, 20. März, 19.10 Uhr, ProSieben) - Motiv: Das Zentrum der Katastrophe, der Reaktorblock 4 des Atomkraftwerks Tschernobyl.

„Galileo-Spezial: Tschernobyl – 25 Jahre nach der Katastrophe“. „Ich hatte immer einen Geigerzähler dabei“ – Interview mit „Galileo“-Moderator Stefan Gödde über seine Eindrücke aus Tschernobyl. Sendetermin Sonntag, 20. März, 19.10 Uhr, ProSieben) – Motiv: Das Zentrum der Katastrophe, der Reaktorblock 4 des Atomkraftwerks Tschernobyl.

Bis heute gilt der Super-GAU von Tschernobyl als die schwerste nukleare Havarie der Welt. Im Reaktorblock 4 kam es am 26. April 1986 als Folge einer Kernschmelze zu mehreren Explosionen, die den tonnenschweren Deckel des Reaktors zerstörten. Große Mengen Radioaktivität wurden in die Luft geschleudert. Moderator Stefan Gödde hat die ukrainische Stadt zum 25. Jahrestag der Atomkatastrophe besucht. Für „Galileo Spezial: Tschernobyl – 25 Jahre nach dem Super-GAU“ (Sendetermin Sonntag, 20. März, 19.10 Uhr, ProSieben) drehte der 35-Jährige acht Tage lang mit einem Team in Tschernobyl und Umgebung.

Seine Eindrücke schildert er im folgenden Interview:

Wie haben Sie sich auf die Recherche-Reise in die verstrahlte Gegend um Tschernobyl vorbereitet? Gödde: „Ich wurde von einem deutschen Physiker gecoacht, der mich dann auch zusammen mit einem Einheimischen im Sperrgebiet von Tschernobyl begleitet hat. Gefahr geht natürlich von der Strahlung aus, die stellenweise noch extrem hoch ist – vor allem aber auch durch radioaktive Staubpartikel. Mir und meinem Team kam allerdings zugute, dass während der Dreharbeiten eine Schneedecke lag. So wurde das Risiko, den Staub an die Schleimhäute zu bekommen, etwas verringert.“

Hatten Sie keine Angst? Gödde: „Angst weniger – eher Respekt. Wir haben uns eine Woche im Sperrgebiet aufgehalten und gefilmt. Gewohnt haben wir in einem Hotel, das zum Glück nicht verstrahlt ist. Trotzdem hatte ich immer einen Geigerzähler dabei – weil die Kontamination nicht gleichmäßig ist. Manche Stellen sind weniger belastet, dafür geht von den so genannten ,Hot Spots‘ eine größere Gefahr aus. Den Kontrollraum des stillgelegten Reaktorblocks 3 – direkt neben dem havarierten Block 4 – konnten wir nur unter strengster Aufsicht besichtigen. Auch heute, ein viertel Jahrhundert nach der Katastrophe, muss das Kraftwerk immer noch gewartet und instand gehalten werden. Sich dort aufzuhalten war wirklich sehr unheimlich.“

Was weißt noch auf das Leben vor 25 Jahren hin? Gödde: „Wir haben die einstmalige Arbeiterstadt Prypjat besucht, die liegt gerade mal drei Kilometer vom Atomreaktor entfernt. 48 000 Menschen fühlten sich einst in der ,Stadt der Blumen und Kinder‘ wohl, lebten und arbeiteten dort. Heute ist alles verlassen und es herrscht eine Stille, wie ich sie noch nie erlebt habe: gespenstisch, alles verschlingend und bedrückend.“

Welches Bild ist Ihnen am stärksten im Kopf geblieben? Gödde: „Zum Zeitpunkt des Unglücks wurde in Prypjat ein Jahrmarkt aufgebaut für ein großes Volksfest. Ein Riesenrad, ein Auto-Scooter – alles steht noch da, wie vor 25 Jahren. Heute ist natürlich alles verfallen, verrostet und verstrahlt – ein extrem lebensfeindlicher Ort. Dieses Bild hat mich sehr berührt – zumal man bedenken muss, dass die Menschen in Prypjat erst zwei Tage nach der Katastrophe über die Gefahr informiert und viel zu spät evakuiert wurden. Viele von Ihnen sind gestorben oder leiden noch heute an den Folgen des Super-GAUs.“

Haben Sie gar keine Menschen getroffen? Gödde: „Doch. Einige konnten sich einfach nicht mit der ihnen zugewiesenen neuen Heimat abfinden. Besonders in Erinnerung ist mir eine alte Frau geblieben, die zusammen mit ihrem Mann in ganz ärmlichen Verhältnissen lebt. Sie hatte uns eingeladen und zu Mittag Kartoffeln gekocht, die sie selbst in ihrem Garten angebaut hat. Trotz meines schlechten Gewissens – etwas abzulehnen ist dort sehr unhöflich – habe ich verzichtet. Im Nachhinein bin ich froh darüber, denn wir haben eine Kartoffel mitgenommen und untersucht: Sie war mit radioaktivem Cäsium verseucht!“

Am 26. April 1986 waren Sie zehn Jahre alt. Was ist Ihnen von diesem Tag in Erinnerung geblieben? Gödde: „An Details kann ich mich nicht genau erinnern, an die im Anschluss geführten Diskussionen aber schon: Was darf man noch essen? Ist Spielen im Freien gefährlich? Und natürlich, inwieweit wird unser Leben verändert, wenn die Wolke zu uns kommt?“

Was glauben Sie, wird aufgrund der aktuellen Ereignisse in Japan, auf die Menschen dort zukommen? Gödde: „Ich habe gesehen, was so ein Super-GAU anrichtet und bin tieftraurig. 25 Jahre nach der Strahlenkatastrophe ist die Region um Tschernobyl immer noch gebeutelt, die Menschen leiden unter den Folgen. Japan könnte nun ein ähnliches Schicksal drohen und hinzu kommen noch die schlimmen Erdbeben und Tsunamis. Dass soviel Leid und Unglück über Menschen hereinbrechen kann, ist einfach unvorstellbar.“ Quelle: ProSiebenSat1 TV Deutschland GmbH

 
06 5586 · 07 2 · # 26. Juni 2017