Home / Aktuelle NEWS / Minister Präsident Recep Tayyip Erdogan im RTL Exklusiv Interview (RTL aktuell)

 

RTL Chefredakteur Peter Kloeppel (li.) trifft den türkischen Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan kurz vor der Eröffnung der CeBIT in Hannover. Foto: RTL/Nancy Heusel

Der türkische Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan hat in einem RTL-Exklusiv-Interview am Montag das fortbestehende Angebot Deutschlands und der EU zu einer privilegierten Partnerschaft mit der Türkei abgelehnt. Er sei sehr traurig darüber, dass besonders die deutsche und die französische Regierung dies immer wieder zur Sprache bringen würden. Seit 1959 warte die Türkei an der Tür der Europäischen Union. Das Land sei heute in der Lage, viele der in den EU-Beitrittsverhandlungen geforderten Kapitel zu erfüllen. „Aber das wird leider verhindert.“. U.a. würden Südzypern und Frankreich Kapitel blockieren, die der Türkei den Weg versperren. Erdogan laut Dolmetscher wörtlich: „Wenn ihr die Türkei nicht in die Europäische Union aufnehmen möchtet, dann sagt es doch klar und offen. Dann sind wir beruhigt, dann sind Sie beruhigt. Wir müssen doch einander nicht weitere Leiden zufügen. Wir müssen ehrlich zueinander sein.“

Die Kritik aus Deutschland, dass das Christentum als Minderheitenreligion in der Türkei nicht ausreichend anerkannt werde, würde ihn immer wieder traurig stimmen, so Erdogan weiter. „In meinem Land werden Angehörige anderer Parteien auf keinen Fall diskriminiert.“ Wenn Christen, Juden oder andere Religionen dies wünschten, könnten sie heute in den türkischen Städten gemäß den Bebauungsplänen Gotteshäuser errichten. Der Vorwurf der Diskriminierung sei deshalb „üble Nachrede“.

Zu der anhaltenden Integrationsdebatte in Deutschland und seiner schon vor Jahren geäußerten Warnung vor einer Assimilation der in Deutschland lebenden Türken sagte Erdogan gegenüber RTL, Integration und Assimilation seien technische Begriffe. „Die Menschen aus meinem Land müssen sich in die deutsche Gesellschaft integrieren, das ist ein Muss. Diese Menschen dürfen die deutsche Gesellschaft nicht beunruhigen und deswegen müssen sie Empfindlichkeiten der deutschen Gesellschaft sehr gut und schnell wahrnehmen.“ Sie müssten sich an die deutschen Gesetze halten und nach den deutschen Regeln leben.“ Allerdings besage die universale Erklärung der Menschenrechte, dass man niemanden die Rechte wegnehmen kann, die er von Geburt an besitzt. So, wie die Türkei Sprache, Religion, Kultur usw. der in der Türkei lebenden deutschen Staatsbürger respektieren und diese Rechte auch garantieren müsse, so stehe Deutschland umgekehrt in der gleichen Verpflichtung.

„Ich sage unseren Bürgern folgendes: Ihr müsst gut Deutsch lernen. Für die Spracherziehung gilt, dass jemand, der seine eigene Sprache sehr gut beherrscht, eine zweite Sprache sehr gut lernen kann. Wer das aber nicht beherrscht, kann eine zweite Sprache auch nicht lernen. Deswegen wünschen wir uns in Deutschland folgendes: Vielleicht haben die Familien nicht die Möglichkeit, ihren Kindern die türkische Sprache gut beizubringen. Deswegen müssen diese Kinder die Möglichkeit bekommen, ihre eigene Sprache und auch Deutsch gut zu lernen. Das ist auch in dem Acquis communautaire der europäischen Union vorgesehen für die Minderheitenrechte. Aber leider hat Deutschland in diesem Punkt die notwendige Sensibilität bis jetzt nicht gezeigt.“

Erdogan forderte, dass die türkischen Kinder in Deutschland die Möglichkeiten haben müssten, Türkisch zu lernen. „Um gut Deutsch lernen zu können, müssen sie die eigene Sprache auch kennen. Wenn sie das nicht tun, können sie auch nicht gut Deutsch lernen….Es geht um die Spracherziehung: Also, erst die Muttersprache, dann die Zweitsprache, das ist der Weg. Das sage nicht ich, das sagen die Linguisten.“

Im RTL-Interview kritisierte Erdogan, dass Deutschland den Bürgern der EU-Staaten, nicht aber den in Deutschland lebenden Türken eine doppelte Staatsbürgerschaft anbiete. An die Adresse aller Mitgliedsstaaten der Europäischen Union gerichtet, monierte Erdogan weiter, dass Länder wie Brasilien, Bolivien und Paraguay, die schon geografisch nichts mit der EU gemein hätten, das Schengen-Visum bekommen würden. „Warum die Türken nicht? Wir landen immer wieder an dem gleichen Punkt, nämlich bei der Frage: Ist die Europäische Union nicht vielleicht doch ein christlicher Club? Oder ist das die Adresse einer Gemeinschaft der Zivilisationen.“ Das heutige Bild zeige, dass die EU ein christlicher Club sei. „Das muss man überwinden.“

Erdogan hat sich zudem in Hannover besorgt über die Situation im arabischen Raum gezeigt. In Tunesien werde der Übergang von einem autokratischen Regime in eine Demokratie natürlich Probleme mit sich bringen. Diejenigen, die den Prozess leiten werden, müssten über ausreichende Führungsqualitäten besitzen und über eine ausreichende psychische Konstitution verfügen. In Ägypten sei es wichtig, dass diejenigen, die den Übergangsprozess leiten, nicht mit dem alten Regime in Verbindung gebracht werden. „Wenn das Volk eine Verbindung zu dem alten Regime sieht, wird ein Vertrauen nicht entstehen. Das wird den Prozess noch schwieriger gestalten.“

In Libyen habe sich der Osten faktisch vom Westen des Landes getrennt. „Wir haben wirklich die Sorge, dass es zu einem Bürgerkrieg kommen kann“, so Erdogan gegenüber RTL-Chefredakteur Peter Kloeppel. Er selbst hoffe zwar darauf, dass die Einheit des Landes wieder hergestellt werde, aber es sei allein die Entscheidung der Menschen, ob es wieder zu einer Vereinigung mit dem Westen kommen solle. „Wenn wir versuchen, von außen etwas aufzuzwingen, werden wir keinen Erfolg haben.“ Wichtig sei, dass das Land eine breite Unterstützung der internationalen Gemeinschaft erhalte. Dabei gehe es allerdings „nicht darum, die Kontrolle über Erdöl zu bekommen, sondern einen neuen Prozess für die Demokratisierung zu unterstützen.“

Auf die Lage in Libyen und auf die Zukunft von Diktator Gadaffi angesprochen, plädierte Erdogan indirekt für ein diplomatisches Vorgehen: „Vielleicht kann man ihm ein Licht dafür zeigen, dass er mit Würde abtritt. Wenn das die Familie schafft, und das ist wichtig, könnte es sein, dass er abgeht. Allein mit Druck wird man das, glaube ich, nicht so leicht schaffen.“ Der könne auch schwerwiegende Folgen für das libysche Volk haben. Erdogan erinnerte in diesem Zusammenhang daran, dass der Clan, dem Gadaffi angehört, mehr als 10 000 Mitglieder habe, die ihm sehr ergaben seien. „Wegen dieser Verbundenheit können größere Probleme entstehen, und wir hoffen, dass nicht viel mehr Menschen sterben müssen. Man muss die ganze Entwicklung abkoppeln von einem Kampf zwischen den Clans. Deswegen sage ich, dass es sehr wichtig ist, dass die Familie diesen demokratischen Prozess unterstützt.“

Das Interview in Hannover, wo Recep Tayyip Erdogan am Abend zusammen mit Bundeskanzlerin Merkel die Computermesse CeBIT eröffnen wird, führte RTL-Chefredakteur Peter Kloeppel. Auszüge zeigt der Nachrichtensender n-tv bereits am Nachmittag ab 14.30 Uhr. Eine Zusammenfassung der wichtigsten Aussagen des türkischen Ministerpräsidenten gibt es dann um 18.45 Uhr in den Hauptnachrichten „RTL Aktuell“ sowie um Mitternacht im „RTL Nachtjournal“. Quelle: RTL

 
06 3194 · 07 2 · # 22. November 2017